Vergil's Wurzeln der monastischen Dichtung

Ein Norcia-Jahr scheint eine angemessene Gelegenheit zu sein, die Lehre des heiligen John Henry Newman über den Benediktinerorden neu zu betrachten. Die Kultur der Antike ist unseren Generationen weniger vertraut, als sie es zu seiner Zeit war. Wir benötigen daher möglicherweise eine gewisse Anpassung, um seine Sichtweise des mönchischen Lebens als poetisch und vergilisch nachempfinden zu können. Doch sind nicht gerade die Poesie und die Nähe zur Schöpfung Gottes ein wesentlicher Beitrag der Klöster in einer Zeit, in der unser Menschsein durch die entmenschlichenden Gefahren künstlicher Technologie herausgefordert wird?

Aus: John Henry Newman, Die Mission des heiligen Benedikt (1858)

Dem heiligen Benedikt also, der wohl mit Fug und Recht als Repräsentant der verschiedenen Mönchsfamilien vor seiner Zeit sowie derer, die aus ihm hervorgingen, gelten darf (denn sie gehören im Grunde alle einer Schule an) – diesem großen Heiligen möchte ich als sein Erkennungszeichen das Element der Poesie zuweisen; dem heiligen Dominikus das wissenschaftliche Element und dem heiligen Ignatius das praktische.

Diese Merkmale, die jeweils den Schulen der drei großen Lehrer eigen sind, erwuchsen aus den Umständen, unter denen sie jeweils ihr Werk begannen. Benedikt, dem seine Mission fast noch als Knabe anvertraut wurde, flößte ihr die Romantik und Einfachheit des Knabenalters ein. Dominikus, ein Mann von fünfundvierzig Jahren, ein Gelehrter der Theologie, Priester und Kanoniker, brachte jene Reife und Vollständigkeit der Gelehrsamkeit in den Orden ein, die er an den Schulen erworben hatte. Ignatius, vor seiner Bekehrung ein Mann von Welt, hinterließ seinen Jüngern als Vermächtnis jene Menschenkenntnis, die man nicht in Klöstern erlernen kann. Und so waren die drei verschiedenen Orden (sozusagen) die Geburten der Poesie, der Wissenschaft und des praktischen Sinns.

Nun können wir also verstehen, wie es dazu kam, dass die Mönche eine Einheit bildeten, und worin diese bestand. Es war, wie ich bereits sagte, eine Einheit des Zieles, des Standes und der Beschäftigung. Ihr Ziel war Ruhe und Frieden; ihr Stand war die Zurückgezogenheit; ihre Beschäftigung bestand aus einfachen, nicht intellektuellen Tätigkeiten, nämlich Gebet, Fasten, Meditation, Studium, Abschriften, Handarbeit und anderen unspektakulären, beruhigenden Beschäftigungen. So sah ihre Lebensweise überall auf der Welt aus; sie hatten den geschäftigen Markt, das Handwerk des Gewinnstrebens, den Tisch des Geldwechslers und die Ladung des Kaufmanns gemieden. Sie hatten dem streitenden Forum, der politischen Versammlung und dem Sammelsurium der Gewerbe den Rücken gekehrt. Sie hatten ihre letzten Geschäfte mit Baumeistern und Schneidern, mit Metzgern und Köchen getätigt; alles, was sie wollten, alles, was sie begehrten, war die süße, beruhigende Gegenwart von Erde, Himmel und Meer, die gastliche Höhle, der helle, fließende Bach, die mühelosen Gaben, welche Mutter Erde,„justissima tellus“,schon bei geringem Zureden hervorbringt. „Das monastische Institut“, sagt der Biograf des heiligen Maurus, „verlangt Summa Quies, die vollkommenste Stille“; und wo sollte man Stille finden, wenn nicht in der Rückkehr zum ursprünglichen Zustand des Menschen, soweit es die veränderten Umstände unseres Geschlechts zuließen; darin, keine Bedürfnisse zu haben, deren Befriedigung nicht in unmittelbarer Nähe läge; im „nil admirari“; darin, weder Hoffnung noch Furcht vor irgendetwas Diesseitigem zu haben; im täglichen Gebet, im täglichen Brot und in der täglichen Arbeit, wobei ein Tag dem anderen glich - außer, dass er einen Schritt näher an jenem großen Tag lag als der soeben vergangene, jenem Tag, der alle Tage verschlingen würde: dem Tag der ewigen Ruhe.

Ich habe nun genug gesagt, um den Biographen des heiligen Maurus sowohl zu erklären als auch zu rechtfertigen, wenn dieser sagt, dass das Ziel, das Leben und der Lohn des alten Mönchtums die „summa quies“sei – die Abwesenheit jeglicher sinnlicher und geistiger Erregung und die Anschauung der Ewigkeit. Und deshalb habe ich den monastischen Stand als die poetischste aller religiösen Disziplinen bezeichnet. Es war eine Rückkehr zu jenem Urzeitalter der Welt, von dem die Dichter so oft gesungen haben, dem einfachen Leben in Arkadien oder der Herrschaft des Saturn, als Betrug und Gewalt noch unbekannt waren. Es war eine Wiederbelebung jener realen, nicht fabelhaften Szenen der Unschuld und des Wunders, als Adam den Boden bestellte, Abel Schafe hütete oder Noah den Weinstock pflanzte und Engel sie besuchten. Es war die wörtliche Erfüllung der glühenden Bilder der Propheten über die evangelische Ära. Die Natur statt der Kunst, die weite Erde und der majestätische Himmel statt der überfüllten Stadt, die zahmen und fügsamen Tiere der Felder statt der wilden Leidenschaften und Rivalitäten des gesellschaftlichen Lebens, Ruhe statt Ehrgeiz und Sorge, göttliche Betrachtung statt der Heldentaten des Verstandes, der Schöpfer statt des Geschöpfes – dies war der normale Zustand des Mönchs. Er hatte die Welt erprobt und ihre Hohlheit erkannt; oder er hatte sich ihrer Gemeinschaft entzogen, bevor sie ihn umworben hatte; – und so floh der heilige Antonius in die Wüste, und der heilige Hilarion suchte die Meeresküste auf, und der heilige Basilius stieg in die Bergschlucht hinauf, und der heilige Benedikt suchte Zuflucht in seiner Höhle, und der heilige Ägidius vergrub sich im Wald, und der heilige Martin wählte den breiten Fluss, damit die Welt dem Blick entzogen und die Seele zur Ruhe kommen möge. Und eine solche Ruhe des Geistes und der Leidenschaft, wie diese es ist, ist zutiefst erfüllt von poetischen Elementen.

Wenn also Vergil das Land wählt und die Stadt ablehnt, zeigt er uns, dass ein bestimmter Aspekt der Stadt der Poesie zuwiderläuft und dass ein bestimmter Aspekt des Landes ihr entgegenkommt. Die geistige und moralische Ruhe ist jene Qualität des Landlebens, die er lobt; und Anstrengung, Hektik und Aufregung sind jene Eigenschaften des Stadtlebens, die er verabscheut. Darin liegt also, nach Vergil, die Poesie des heiligen Benedikt, in der „secura quies et nescia fallere vita“, in der Abwesenheit von Angst und Unruhe, von Intrigen und Machenschaften, von Hoffnungen und Ängsten, von Zweifeln und Enttäuschungen. Ein solches Leben – für den Tag zu leben ohne Sorge um das Morgen, ohne Pläne oder Ziele, selbst heilige, hier auf Erden; zu arbeiten, nicht (sozusagen) nach Stückzahl, sondern wie ein Tagelöhner; den Boden zu besäen in der Gewissheit der Verheißung, auch zu ernten; in der gegenwärtigen Woche zu lesen oder zu schreiben, ohne die daraus folgende Notwendigkeit, dies auch in der nächsten tun zu müssen; unter den Seinen zu weilen ohne Bindungen in die Ferne; jeden neuen Tag als ein Ganzes für sich zu betrachten, als ein Hinzukommen, nicht als eine Ergänzung zum Vergangenen; und Werke zu tun, die nicht unterbrochen werden können, weil sie in jedem ihrer Teile bereits vollkommen sind – ein solches Leben kann man mit Nachdruck vergilisch nennen. Jene hingegen, deren Pflicht in dem liegt, was man als Unternehmungen bezeichnen könnte – in Wissenschaft und Systematik, in anhaltenden Anstrengungen des Geistes oder kunstvollen Handlungsabläufen: Apologeten, Kontroversisten, Disputanten an den Schulen, Professoren auf dem Lehrstuhl, Lehrer auf der Kanzel, Lenker in der Kirche –, sie haben eine edle und verdienstvolle Mission, aber keine so poetische. 

Wenn der körperliche Organismus eine Verletzung erleidet oder von einer plötzlichen Krankheit befallen wird, darf man erwarten, dass die Natur das Übel selbst heilt, wenn man sie gewähren lässt; doch sie benötigt Zeit. Die Wissenschaft greift ein, um diesen Prozess abzukürzen, und sie handelt gewaltsam, um sicherzugehen. Dies mag als Veranschaulichung dafür dienen, wie der heilige Benedikt dem Elend des Lebens entgegenwirkte. Er fand die Welt – physisch wie gesellschaftlich – in Trümmern vor, und seine Mission war es, sie wiederherzustellen: nicht auf dem Weg der Wissenschaft, sondern auf dem der Natur; nicht, indem er sich vordergründig daranmachte, es zu tun, oder vorgab, es in einer festgesetzten Zeit, durch ein seltenes Heilmittel oder eine Abfolge von gewaltigen Schlägen zu vollbringen. Er wirkte so still, geduldig und allmählich, dass man oft bis zur Vollendung des Werkes gar nicht bemerkte, dass es überhaupt im Gange war. Es war eher eine Wiederherstellung als eine Heimsuchung, eine Korrektur oder eine Bekehrung. Die neue Welt, die er mit erschuf, war eher ein Gewächs als ein Gebilde. Man beobachtete schweigsame Männer auf dem Land oder entdeckte sie in den Wäldern beim Graben, Roden und Bauen; und andere schweigsame Männer, die man nicht sah, saßen im kalten Kreuzgang, ermüdeten ihre Augen und hielten ihre Aufmerksamkeit aufs Äußerste gespannt, während sie mühsam jene Manuskripte entzifferten, kopierten und wiederholt abschrieben, die sie gerettet hatten. Es gab niemanden, der „stritt oder schrie“ oder die Aufmerksamkeit auf das lenkte, was geschah; doch nach und nach wurde aus dem bewaldeten Sumpf eine Einsiedelei, ein religiöses Haus, ein Gutshof, eine Abtei, ein Dorf, ein Seminar, eine Stätte der Gelehrsamkeit und schließlich eine Stadt. Straßen und Brücken verbanden sie mit anderen Abteien und Städten, die auf ähnliche Weise entstanden waren; und was der hochmütige Alarich oder der grimmige Attila in Stücke geschlagen hatten, das hatten diese geduldigen, betrachtenden Männer wieder zusammengefügt und zu neuem Leben erweckt.

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