Auf den Spuren des heiligen Benedikt

Während das benediktinische Jubiläum näher rückt, suchen Mönche und Nonnen weltweit nach einer Neubegegnung mit den Wurzeln unseres großen Gründers. Norcia ist der ideale Ort, um damit zu beginnen. Die örtliche Überlieferung besagt, dass es heilige Frauen waren, die als Erste an der Kapelle lebten und beteten, welche um den Geburtsort der heiligen Zwillinge errichtet wurde; erst ein oder zwei Jahrhunderte später ließen sich dort Mönche nieder. Sie alle sahen in diesem Ort ein zweites Bethlehem – eine Möglichkeit, zum Ursprung des Gründers zurückzukehren und daraus neues Leben zu schöpfen. Tatsächlich gibt es in der Krypta, genau an dem Ort, an dem die Geburt stattgefunden haben soll, ein Fresko aus dem 13. Jahrhundert. Es zeigt die Verkündigung, die Geburt Christi sowie die Geburt des Hl. Benedikt und der Hl. Scholastika.

Als unsere Mönche das seit 1810 geschlossene Kloster in Norcia wiedereröffneten, geschah dies genau an diesem Ort. Wir hatten die Hoffnung, dass dort eine Wiedergeburt des Mönchtums stattfinden würde – und zwar nicht nur in Form unserer eigenen bescheidenen Anfänge. Vielmehr wünschten wir uns, dass wir und alle unsere Besucher dort etwas vom Geist unseres Schutzpatrons entdecken, das man nirgendwo sonst findet. Als das schwere Erdbeben von 2016 die Basilika und unser angrenzendes Zuhause zerstörte und wir gezwungen waren, vor die Stadtmauern zu ziehen, folgten wir dem Weg so vieler Abteien auf der ganzen Welt: Wir suchten einen Ort, der ein Stück weit abseits vom Trubel der Welt liegt. 

Diese Zeit hat uns eine tiefe innere Ruhe geschenkt. Gleichzeitig erlaubte sie uns, auf eine neue Weise über jenen Ort nachzudenken, an dem wir unsere ersten 16 Jahre verbrachten. Der heilige Benedikt wuchs in einer lebendigen, eng bebauten Provinzstadt auf. Obwohl er für seine ersten Studien zu den Einsiedlern in die Täler rund um Norcia geschickt wurde, hat ihn das Leben vor Ort zweifellos geprägt. Er war nicht nur ständig mit seiner Zwillingsschwester zusammen; er war umgeben von neugierigen und herzlichen Stadtbewohnern, die ihn an ihrem Glück und ihren Sorgen teilhaben ließen – und an ihren nicht immer diskreten Fragen. Als wir dort als Mönche lebten, spürten wir oft, wie sehr unser Alltag mit dem ihren verwoben war. Das war bereichernd, aber auch eine Herausforderung. Doch genau so muss auch sein Leben gewesen sein. 

Für viele Mönche, Nonnen und Ordensschwestern auf der ganzen Welt bringt das tägliche Gemeinschaftsleben große Freuden, aber auch Herausforderungen mit sich. Ein Besuch in Norcia hilft zu verstehen, dass unser Gründer ein intensives Gemeinschaftsleben führte, lange bevor er Subiaco und Monte Cassino gründete. Wie wir alle brachte auch er – im Guten wie im Schlechten – seine Kindheit mit. Er schuf kleine, kompakte, von Mauern umgebene Mönchsstädte, und zog dies schließlich den eremitischen Vorbildern seiner Jugend vor. Seine Regel war das Gegenmittel zu der natürlichen Unordnung, die wir alle mitbringen, wenn wir zusammenkommen. Wir hoffen, dass alle, die in den kommenden Jahren nach Norcia kommen, diesen Mann und seine Regel für sich entdecken. Es ist die Stadt, die ihn und sein Werk von Grund auf prägte.  

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